Die Grenzbrigade 8 - Geschichte und Überblick
Aktualisiert am: 13. August 2011
Mit Einführung der Truppenordnung 38 wurden per 1. Januar 1938 acht neue Grenzbrigaden geschaffen. Diese rekrutierten ihre Mannschaften aus allen Heeresklassen in den Grenzzonen der jeweiligen Brigaden. Die Grenzbrigade 8 rekrutierte daher ihre Angehörigen primär aus dem St. Galler Rheintal und dem Appenzell. Spätestens mit dem "Anschluss" von Österreich an das Grossdeutsche Reich wurde die genannte Grenzzone bewusst wahrgenommen. Für die meisten Soldaten lag ihr Wohnort und Arbeitsplatz unmittelbar bei ihrem soldatischen Einsatzraum, für den nun bedrohlich gewordenen Ernstfall. Da man von nahe sah, wie der "Anschluss" sich in Vorarlberg auf das Leben auswirkte, hatte dies zusätzliche motivierende Wirkung auf die Wehr-männer. Während des sechsjährigen Aktivdienstes kam es zum Glück nie zu Kampfhandlungen, jedoch war gerade in der Endphase des Krieges wegen der Flüchtlingsströme und der heranrückenden Alliierten ein erhöhter Grenzschutz notwendig geworden.

Wegen des starken Geländes verfügte die Grenzbrigade 8 zu Beginn über nur vier Grenzfüsilierbatallione (ab 1940 deren 5). Gegliedert waren sie in die beiden Grenzregimenter 58 und 59. Ordre de bataille (OB) aus dem Jahr 1940 [ Friends only ]
Um den Erfahrungen aus dem Aktivdienst Rechnung zu tragen wurde die Truppenordnung 1951 beschlossen. Während die Truppen der Feldarmee wesentliche Verbesserungen erfuhren, blieb es bei den statischen Grenzbrigaden bei der gleichen Zusammensetzung und Bewaffnung. Nur das Füs Bat 78 wurde zu einem selbstständigen Auszugsbatallion umgestaltet. Ab 1951 wurden regelmässig Rüstungsprogramme vorgelegt, welche Ausrüstung und Infrastruktur der Armee verbessen sollten. Die Grenzbrigade 8 spürte davon wenig. Noch lange mussten die Landwehr-Verbände der Brigade mit den alten MG11 und Tankbüchsen vorlieb nehmen. Noch länger blieben diese Waffen wesentlicher Bestandteil der Bunker. Ausserdem erhielt die Brigade altes Material, welches bei der Feldarmee mit neuem ersetzt wurde. Die Grenzbrigade wurde zum "Armenhaus der Armee". Dieses geflügelte Wort hielt sich bis tief in die sechziger Jahre hinein.
Eine stufenweise Aufwertung der Grenzbrigaden brachte die Truppenordnung 1961. Der Grenzraum sollte nun stärker belegt werden. Dies wurde mit dem Auftrag verbunden, von nun an den Kampf ab Landesgrenze nachhaltig zu führen. Damit wurde die Grenzbrigade 8 zum operativen Sperrverband. Die Brigade sollte von nun an mit Geländeverstärkungen, vorbereiteten Zerstörungen, mit Stützpunkten und Sperren einen angreifenden Gegner ab Landesgrenze verzögern, aufhalten und abnützen. Obwohl Aufgabe und Auftrag anspruchsvoller geworden war, änderte sich an der Zusammensetzung der Brigade wenig. Infolge Ausdehnung der Abschnittsgrenze nach Süden erhielt die Brigade neu das Füs Bat 187 unterstellt. Die bisherige Zerstörungs- einheit wandelte man in die Genieabteilung 48 um und erweiterte diese mit Mineurkompanien, welche die Mannschaften für die Sprengobjekte zu stellen hatten. Zusätzliche Kampftruppen erhielt die Brigade keine. Mit der neuen TO erhielt die Grenzdivision 7 den Auftrag, mit den Grenzbrigaden zusammenzuarbeiten und diese je nach Bedrohungslage zu verstärken. Je nach Lage konnte die Grenzbrigade auch der Division unterstellt werden. In den 1960er und 70er Jahren probte man diese Zusammenarbeit intensiv in realistisch gestalteten Manövern. So zog man z. B. Rheintaler Schulkassen hinzu, welche Flüchtlingsströme zu simulieren hatten.

In den 60er Jahren setzte eine intensive Bautätigkeit ein. Im Gebiet der Grenzbrigade 8 fuhren die Baumaschinen auf. Systematisch wurde jeder Abschnitt ausgebaut: Waffenstellungen, Unterstände (ASU) und Kommandoposten. Mitte der 70er Jahre war die ganze Brigade "unter Boden". Ebenso wurden endlich die bestehenden Festungswerke modernisiert und umbewaffnet. Endlich konnten die MG11 durch MG51 ersetzt und moderne 9cm Panzerabwehrkanonen eingebaut werden. Die Panzerabwehr der Truppe wurde durch die Einführung der Raketenrohre verstärkt. Der bedeutendste Entscheid bestand jedoch im Bau von mehreren 12cm Festungsminenwerfern. Damit wurden die 7.5cm Geschütze der Festung Heldsberg überflüssig und die Anlage diente fortan nur noch als Unterkunft und Kommandoposten. Der spöttische Spruch vom Armenhaus der Armee verstummte allmählich. Als in den 80er Jahren die Panzerabwehrlenkwaffe Dragon eingeführte wurde, sorgte Brigadier (und Ständerat) Ernst Rüesch über seine politischen Kanäle dafür, dass auch Landwehrsoldaten aus der Brigade am Pilot-Umschulungskurs teilnehmen konnten. Die Soldaten erbrachten in den nur 2 Wochen dauernden Kursen teilweise die besseren Resultate als ihre Kameraden vom Auszug in ihren 3 Wochen dauernden Kursen. Die Hürde war genommen - die Grenzbrigade 8 erhielt in der Folge drei Dragon-Kompanien und erfuhr so eine massive Verstärkung in der Panzerabwehr.
1989 wurde die Festungsabteilung 108 aufgestellt. Diese betreute einerseits die Festungsminenwerfer und andererseits gliederte man in sie die in den Felddivisionen freigewordenen Formationen mit ihren 10.5 cm Haubitzen ein. Dieses mobile artilleristische Element war zwar eine willkommene Verstärkung, jedoch wegen fehlender motorisierter Mittel nur beschränkt einsatzfähig.
Letzte Ordre de bataille (OB) aus dem Jahr 1994 [ Friends only ]

Mit Einführung des Armeeleitbildes 1980 wurde das Inf Rgt 32 geschaffen. Es setze sich aus den ehemals selbstständigen Füs Bat der drei Grenzbrigaden 6, 7 und 8 zusammen. Damit verloren diese drei Brigaden auf einen Schlag ihre stärksten Formationen. Allerdings versprach man den Brigaden, bei besonderer Bedrohung Teile oder gar das ganze Rgt zur Verstärkung zu unterstellen.
Während des Kalten Krieges standen die vordersten Elemente des Warschauer Paktes nur gerade 300 km von der Grenzbrigade 8 entfernt. Innert weniger Tage hätten diese Verbände an der Ost- und Nordostgrenze sein können. Deshalb orientierte sich die Brigade wie schon während des Zweiten Weltkrieges primär in diese Richtung. Der Auftrag der Grenzbrigade 8 lautete: "Stellt den Neutralitätsschutz sicher, sperrt die durch ihren Raum führenden Hauptachsen".
Verteidigungsdispo "Löwe und Bär" der F Div 7 [ Friends only ]

Die Brigade verfügte mit Rhein, Bodensee und Alpstein über respektable Geländehindernise. Entsprechend galt es die Übergänge über Rhein (Brücken) und Alpstein (Pässe) mittels Permanenzen zu sichern und die Bereitstellungsräume des Gegners frühzeitig mit Feuer zu belegen. Eigentliches Schlüsselgelände war der Rorschacher Trichter und der Flugplatz Altenrhein (gegnerische Luftlandungen). Das Vorgelände (Aufmarschgebiet des Gegners) bevorteilte die Verteidiger. Das Ostbecken des Bodensee ist wegen seiner Seeuferkonfiguration als Aufmarschgebiet ungeeignet. Die geringe Tiefe der östlich dem Rhein vorgelagerten Ebene hätte einen Gegner gezwungen das Gros seiner Kräfte jenseits des Arlbergs aufzustellen. Auch die Angriffsplanung der Wehrmacht trug diesem Umstand schon Rechnung und erwähnte die "ungünstigen Aufmarschbedingungen". Ein Blick hinter den Brigaderaum zeigte, dass ein Gegner, dem es gelungen war, durch den Brigaderaum zu stossen, spätestens am Sitter- und dem Thurgraben, der Hulftegg und am Rickenpass durch das FAK4 gestoppt worden wäre, da es sich durchwegs um abwehrstarke Geländeabschnitte handelte.
Entsprechend dem Auftrag und dem Gelände wäre die Brigade dem Gegner grenznah entgegengetreten und hätte die Zerstörungen ausgelöst. Achillesverse waren die beiden Rheinbrücken in Lustenau und Fussach, welche nicht unter Schweizer Kontrolle standen. Aus diesem Grund hatte das Inf Rgt 59 den Auftrag, im Notfall über den Rheindamm nach Österreich vorzustossen, die Brücken zu sprengen und ein Übersetzen des Gegners über den Rhein zu verhindern. Schwergewichtig waren die Truppen im nördlichen Abschnitt des Brigaderaums aufgestellt. Es galt, einen Durchbruch durch den Rorschacher Trichter zu verhindern. Ein durchgebrochener Gegner stösst hier auf panzergängiges Gelände und kann in die östliche Flanke der Nachbarverbände stossen. Da die Grenzbrigade über keine mechanisierten Mittel verfügte, musste sie sich auf den infanteristischen Abwehrkampf konzentrieren. Sie musste sich an das starke Gelände klammern und sich dabei auf die bestehenden Permanenzen und Stützpunkte stützen.
Verteidigungsdispo des Inf Rgt 59+ [ Friends only ]

Dabei standen den 6'000 AdA der Grenzbrigade 8 die folgende Permanenzen zu Verfügung (Zahlen nur ungefähr): 30 Kommandoposten, 250 Unterstände inkl. Kugelbunker, 115 Bunker, davon 16 mit Pak 50, 115 Geländepanzerhindernisse und Panzerbarrikaden, sowie 100 Sprengobjekte "R" und "L". Die für einen mechanisierten Angreifer alles andere als ideale Topographie des Einsatzraumes im Verbund mit diesen Permanenzen sorgte dafür, dass die Beweglichkeit eines Gegners am Boden stark eingeschränkt war. Wenn es gelang, rechtzeitig zerstörte Objekte über längere Zeit unpassierbar zu halten, war ein rascher Durchstoss kaum denkbar. Die zahlreichen Panzerabwehrmittel erlaubten es, örtlich und zeitlich kampfentscheidende Panzerabwehrschwergewichte zu schaffen, um einen kanalisierten Gegner abzunützen. Mit den Festungsminenwerfern konnte mit hoher Präzision und grosser Wirkung geschossen und damit Brückenschläge, Übergänge und Engnisse nachhaltig mit Feuer gesperrt werden - dies auch schon im Vorgelände. Mit Einsätzen aus Wechselstellungen konnte mit den 18 Haubitzen der Festungsabteilung praktisch der ganze nördliche Einsatzraum mit Feuer abgedeckt werden.
Das letzte Kampf-Dispositiv der Gz Br 6 im Fall einer Teilmobilmachung der Armee [ Friends only ]

Das Glück und ein gütiges Schicksal hat der Grenzbrigade 8 - und somit dem ganzen Land - die Bewährung im Ernstfall erspart. Mit Einführung der Armee 95 wurde die Grenzbrigade 8 zusammen mit allen anderen Grenzbrigaden und den drei Reduitbrigaden aufgelöst. Geblieben sind aber die Permanenzen, welche man auch heute noch im ehemaligen Brigaderaum in grosser Zahl finden kann. Auch nach Auflösung der Grenzbrigade wurden in der Armee 95 zahlreiche Permanenzen durch das Festungspionier Batallion 42 weitergeführt, bis auch diese Formationen mit der Armee XXI aufgelöst wurde. Per 2012 werden nun auch die letzten Sperrstellen und Permanenzen aufgegeben und entklassifiziert. Der Bau von Befestigungen und Permanenzen wird ab dann endgültig der Vergangenheit angehören.
In diesem Kapitel stellen wir euch die Permanenzen im ehemaligen Brigaderaum vor. Wir dokumentieren auf diese Weise die grossen Anstrengungen und Leistungen der früheren Generationen, welche alles Mögliche taten, damit die "braunen" und später "roten" Horden nicht von Norden in die Schweiz einfallen konnten.

Wir danken an dieser Stelle herzlichst allen Organisationen und Personen, welche uns dabei geholfen haben, die umfangreiche Dokumentation in diesem Kapitel zu erstellen.
 
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