Mümliswil - Brigade-Kommandoposten Grenzbrigade 4, A3669 Lobisei
Aktualisiert am: 02. März 2012
Das kleine Einmaleins der Brigadeführung
Ein Kommandoposten (KP) setzt sich auch verschiedenen Elementen zusammen. Dies sind Personal, Immobilien/Räumlichkeiten und Material. Die Voraussetzung für sinnvolle Führungstätigkeit sind Handlungsfreiheit und Führungsfähigkeit. Für die Führungsfähigkeit sind insbesondere die Verbindungsmittel entscheidend. Die Brigadeführung basiert primär auf drahtgebundenen Mitteln. Funk wurde nur für mobile Elemente verwendet oder zur Tarnung/Täuschung. Ebenso wurde Funk eingesetzt bei Ausfall der Drahtverbindungen.

Alle Stäbe der Stufen Armee, Armeekorps, Divisionen und Brigaden sind „Spartenorganisationen“. Die wichtigsten sind:
Nachrichtendienst
Dieser „denkt rot“ und soll feindliche Möglichkeiten, Absichten usw. in die Planungsarbeit einbringen.
Operationen
Diese „denken die eigenen Kräfte“ und planen und führen die eigenen Truppen.
Logistik
Diese schafft die materiellen Voraussetzungen für den Einsatz der eigenen Mittel und ist für die Durchhaltefähigkeit verantwortlich.
Führungsorganisation/Systemführung
Diese ist für die Abläufe und die Verbreitung der Informationen zuständig.
Damit der Brigadestab mit seinen fast 70 Angehörigen arbeiten kann, benötigt er einen geschützen Arbeitsplatz. Bei der Grenzbrigade 4 war dies schon seit dem 2. Weltkrieg der Kommandoposten Lobisei.



Baugeschichte A3669
Der Ursprung der Anlage geht auf den 2. Weltkrieg zurück. Zu Beginn des Krieges befand sich der KP in Balsthal. Mit Bezug der Limmatstellung wurde der Standort Lobisei durch die 4. Division erkundet und bewertet. Das Baubüro erstellte im Dezember 1941 den Grundrissplan für eine sehr bescheidene Installation. Die Anlage wurde als Gefechtsstand und weniger als KP ausgelegt. Ausser einem Wasserreservoir mit Waschgelegenheit fehlten jegliche Unterkunftsräume und sanitäre Anlagen. Als Abort musste eine Latrine im Freien benutzt werden. Baubeginn war Januar 1942 und bis April 1942 war das Werk fertig gestellt (Bild links).

In der Zeit der Ost-West Spannungen wurden Ende der 1950er Jahre die Führungsstandorte der ortsfesten Truppen überprüft. Während man bei einigen Brigaden komplett neue Führungsstandorte plante, wurde bei der Grenzbrigade 4 entschieden, am bestehenden Standort die bestehende Anlage zu ergänzen und zu erweitern. Dazu wurde in einem ersten Ausbauschritt 1959 eine zusätzliche kleine Kaverne ausgebrochen und Licht und Lüftung eingeführt. Diese sollte primär die Führungsfähigkeit während der kommenden Ausbauphase sicherstellen.
Von Feb. 1962 bis Okt. 1965 wurde zum Betrag von rund 900'000 CHF die bestehende Anlage aus dem Zweiten Weltkrieg massiv vergrössert und zu einer – beinahe – autonomen «Führungs-Festung» ausgebaut (Bild rechts). Die Autarkie wurde auf 3 Monate festgelegt und entsprechend wurden die baulichen Voraussetzungen für die Vorratsmengen geplant. Lediglich auf eine sanitätsdienstliche Installation wurde verzichtet und beim Lagervolumen für Lebensmittel hat man viel zu wenig Vorratsraum eingeplant oder schlichtweg vergessen. Neben der bestehenden Anlage vorbei wurden neue Stollen und Kavernen ausgebrochen. Das Ausbruchvolumen betrug ca. 5’700 m3, was beinahe 10 x dem Volumen der «alten Anlage» entspricht. Dies sind etwa 15'000 Tonnen Kalkfelsn der gesprengt und abgeführt wurde. Bereits im Rohausbruch wurden für Wasserreservoir, Kläranlage und Treibstofftank zusätzlich Kammern abgetäuft.
Neben den umfangreichen Felsausbrüchen mussten auch neue Erschliessungen gemacht werden. Dazu gehörten die Schächte für Zuluft, Abluft und Auspuff. Eine Wasserleitung aus dem Ortsnetz und eine eigene Brunnenstube wurden errichtet. Dazu kamen die Kabelführungen für Strom (Ortsnetz), Telefon und Funk, Anschlussleitungen zum TT-Netz sowie die Anschlüsse zu den Funk- und Richtstrahl-ASU oberhalb der Anlage. Der ganze Bau wurde an die zentrale Belüftungsanlage angeschlossen. Die Energieversorgung erfolgte ausschliesslich vom neuen Maschinenraum aus.
Der neue Zugang wurde aufgrund der ungenügenden Widerstandswerte des Felsgesteins als „Betonklotz“ vorgesetzt. Letztlich wurden die direkten Zugänge zum „alten KP“ zubetoniert. Der Zugang ist nur noch über die Schleusen- und Pfortenanlage möglich. Durch den Einbau von gegeneinander verriegelten Türen und durch Waffenstellungen mit Wirkungsraum zum Zugangsbereich und -stollen wurde der gewaltsame Zutritt praktisch verunmöglicht.
Der neue Haupttrakt umfasste den zweistöckigen Einbau der Arbeitszellen. Diese bestehen aus Schlafräumen, dem Ess- und Aufenthaltsraum, den Führungsräumen, sowie Übermittlungszentrum und Küche. Damit stehen in der Anlage rund 1’800 m2 Bodenfläche zur Verfügung, also etwa 6x mehr als während des 2. Weltkrieges im «alten KP».
Plan Brigade-KP A3669 Lobisei, Felswerk [ Friends only ]

Mitte 1986 wurde die Belüftung bzw. der Schutz gegen atomare und chemische Bedrohung auf den neuesten Stand gebracht. Anstelle der Waffenscharten im Eingangsbereich wurden Überdruckklappen eingebaut – die Bedrohungssituation wurde plötzlich anders wahrgenommen. Seit dem Umbau kann die ganze Anlage ausschliesslich mit gefilterter Luft versorgt werden. Ein permanenter leichter Überdruck gegenüber der Aussenwelt verhindert das Eintreten unerwünschter Stoffe. Nachteil dabei war, dass ein Schleusenbetrieb mit Spülung beim Zutritt obligatorisch wurde. Dabei war ein 10facher Luftaustausch in der Schleuse gefordert, was den Aufenthalt in der Schleuse auf gut 7 Minuten ausdehnte.
Anfangs der 90er Jahre plante man aufgrund einer Bedürfnisanalyse einen grösseren Umbau. Mit der Einführung der Armee 95 und der damit verbundenen Auflösung der Grenzbrigaden wurde dieser aber nicht mehr ausgeführt. Die Anlage verblieb bis 2008 im Kernbestand der Armee, bis sie dann entklassifiziert wurde. Seither wird nach einer Nachfolgelösung gesucht. Der Verein Festungswerke Solothurner Jura versucht zur Zeit (Herbst 2011) die Anlage zu übernehmen, was jedoch auf Grund der hohen Betriebskosten ein Problem darstellt.

Wir danken an dieser Stelle herzlichst Oberst a.D. Franz Bürgi, dass er uns im Herbst 2010 durch die Anlage geführt und uns die Möglichkeit gegeben hat, diese ausführlich zu besichtigen.
 

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Führungsräume

Untergeschoss
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Obergeschoss
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Interaktive Karte F4300 A3669