Sufers, Splügen, Avers, Reischen - Artilleriewerk A7833 Crestawald und Sperrstellen
Aktualisiert am: 09. Oktober 2009
Bei der Sperrstelle Splügen ist das einzige Artilleriewerk des Kantons Graubünden zu finden, welches nicht Teil der Festung Sargans war. Das AW A7833 Crestawald lag isoliert ausserhalb des Reduits und sollte zusammen mit den Sperranlagen rundherum einen Übergang von den Pässen Splügen und San Bernadino Richtung Reduit und Festung Sargans verhindern. Heute sind das AW und Teile der Bunker ein interessantes Museum, das jährlich zahlreiche neugierige Spione in Form von Besuchern und Touristen anlockt.

Entstehung der Sperrstelle am Splügen
Bis 1935 war der Kanton Graubünden in Sachen Planung von Sperrstellen eine Nebensächlichkeit, und dies obwohl der Kanton eine 331 km messende Grenze zu Italien hatte. Entsprechend der Bedrohung konzentrierte man sich auf die Nordgrenze. Während die Planungen und die ersten Bauarbeiten 1936 an der Nordgrenze begonnen hatten, wurden im Kanton Graubünden erst die Vorschläge für Grenzbefestigungen durch einen eigenen Ingenieur-Offizierskurs ausgearbeitet. Im Gegensatz zur Nordgrenze konnte man sich hier nicht auf Arbeiten aus dem 1. Weltkrig stützen. Als Grundlage benutzte man eine Arbeit des ehemaligen Generalstabschef Theophil von Sprecher, der als Oberst 1898 (!) die Einfallssachsen und Passübergänge aus Sicht eines Angreifers beurteilte. Besondere Beachtung erhielt in diesen Arbeiten der Übergang über den Splügen.
Der Splügenpass war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Übergang, stellte er doch 1936 dank seiner gut ausgebauten Strasse eine der wichtigsten Transitachsen von Italien nach Deutschland dar. Da die Landesgrenze über die Passhöhe führte, verunmöglichte dies eine militärische Sperrung erheblich. So stellte Oberst von Sprecher fest, dass ein Abstieg gegnerischer Truppen ins Rheinwald nicht verhindert werden kann. Es sei lediglich möglich, diesen Abstieg durch Artilleriebeschuss vom gegenüber liegenden Safierberg zu stören. Ebenso wird in dieser Arbeit festgehalten, dass eine Sperrung der Splügenroute erst am nordöstlichen Eingang der Roflaschlucht mit Erfolg möglich sei.
Das an diesem Ingenieur-Offizierkurs ausgearbeitete Grundlagenpapier diente auch im April als Grundlage, als eine Gruppe hoher Offiziere eine Rekognoszierungstour durch Graubünden durchführte und die definitiven Standorte der einzelnen Sperrstellen festlegte. Wie von Oberst Sprecher bereits ein knappes halbes Jahrhundert vorher festgestellt, musste auf eine Sperrung der Passhöhe verzichtet werden. Dieser Umstand machte es nötig, dass am weiter talabwärts liegenden Engnis eine besonders starke Sperre erstellt werden musste. Schnell war das entsprechende Engnis östlich des Dorfes Sufers gefunden.
Das ausgearbeite Konzept sah vor, dass vier Bunker und Infanteriewerke erstellt werden. Um das Manko des fehlenden Vorfelds für den Verzögerungskampf zu kompensieren, sollte ein stark armiertes Artilleriewerk errichtet werden. Vorgelagert sollte eine Sperrstelle im Dorf Splügen errichtet werden. Nachgelagert wurden Sperrstellen in der Roflaschlucht und in Reischen / Viamala erstellt. Um eine Umgehung der Hauptsperre zu verhindern, wurden Sperrstellen in Lai da Vons und Cresta sowie zur Alarmierung weitere Sperrstellen in Gesero, Roveredo und Grono geplant.

Sperrstelle Sufers und Artilleriewerk Crestawald
Die infanteristische Sperre sollte aus den beiden Hauptwerken A7838 Sufers (Bunker) und A7836 Geissrücken West (Felskaverne) bestehen. Beide Werke waren mit IK und MG bewaffnet und sollten die Strasse am Eingang zur Roflaschlucht sperren, sowie die Ebene von Sufers und den Aufstieg zum Lai da Vons mit Feuer belegen. Bei Kriegsausbruch waren einzig diese beiden Werke fertiggestellt.
Plan des Bunkers A7838 Sufers [ Friends only ]

Für das Artilleriewerk wurde im Gegensatz zum Vorschlag des Ingenieur-Offizierskurs keine Turmkanonen eingeplant, sondern zwei moderne 10.5 cm Kanonen in Kasematten. Diese Kanonen waren Lizenzproduktionen von schwedischen Schiffskanonen der Firma Bofors. Dank ihrer guten ballistischen Eigenschaften waren sie für die Schweizer Verhältnisse bestens geeignet und hatten eine praktische Reichweite von 17 km bei einer Kadenz von 6 Schuss pro Minute. Diese Wahl der modernen Bewaffnung zeigt, wie wichtig dieses Werk eingeschätzt wurde. Am schwierigsten war die Rekognoszierung des genauen Standorts für das Artilleriewerk. Der erste Standort wurde wegen des geplanten Stausees hinfällig. Am zweiten Standort zeigten Sondierbohrungen, dass dieser Standort geologisch ungeeignet war. Erst der dritte Standort wurde als geeignet befunden. Dadurch verzögerte sich der Baubeginn. Anstatt eines Baubeginns 1937 konnte man erst nach Kriegsbeginn mit den Bauarbeiten am Werk loslegen. Die beiden Stände für die Kanonen wurden in erster Priorität gebaut und bereits im Februar 1940 konnten die beiden Kanonen angeschossen werden. Im Winter 1940/41 folgte der Einbau der Munitionsaufzüge und der Lüftungseinrichtung. Erst im Juni 1941 konnte dann die Truppe das Werk endgültig übernehmen. Trotzdem dauerte es noch bis März 1942 bis auch die technischen Einrichtungen übernommen wurden, und die Behebung der Kinderkrankheiten - bsonders an den Dieselmotoren - dauerte noch bis lange nach dem Krieg.
Ebenfalls im Sommer 1941 konnten auch die anderen Infanteriewerke der Sperrstelle übernommen werden. Die Werke A7834 Schwarzwald und A7835 Geissrücken Ost waren mit ihren MG so ausgelegt, dass sie sich gegenseitig unterstützen konnten und als Gegenwerk zum AW Crestawald fungieren konnten. Zum Glück mussten alle Anlagen niemals unter Beweis stellen, ob sie ihre Aufgabe auch erfüllen konnten.

Die Sperrstelle Sufers in der Neuzeit und als Museum
Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Welt nicht friedlicher. Der Kalte Krieg zwang die Schweiz, die Sperrstellen weiter zu betreiben, zu unterhalten und auch zu modernisieren. Dazu wurden in den frühen 1960er Jahren die Sperrstellen rund um Sufers mit Unterständen und KUBU aus Fertigbetonelementen verstärkt. Um den modernen Bedrohungen gerecht zu werden, wurde das AW laufend modernisiert und erst 1991 wurden die Filteranlagen und Inneneinrichtungen des Werks modernisiert. Dies ist gut an den blauen Metalltüren zu erkennen, die im ganzen Werk zu sehen sind.
Wie gut das im Zweiten Weltkrieg ausgedachte Konzept funktionierte, zeigte sich, als der Stausee und die neue Nationalstrasse errichtet wurden. Die Werke konnten ihre Aufgabe alle weiter erfüllen, ohne dass Anpassungen durch die neu geschaffene topografische Situation notwendig gewesen wären. Um sie den Augen der tausenden Autofahrer zu entziehen, die jeden Tag hier vorbei fahren, waren die Werke perfekt getarnt worden. Selbst als ich als Kind hier jeden Jahr in den Süden in die Ferien fuhr, ist mir nie etwas aufgefallen.
Mit Ende des kalten Krieges kam auch das Ende für die Sperrstelle Sufers. Die Bunker wurden entklassifiziert und nicht mehr benötigt. Einzig das Artilleriewerk wurde noch etwas länger in Dienst gehalten. Den letzten WK führte die Truppe im Juni 1993 durch, und im Oktober 1995 wurden anlässlich eines Kurses für angehende Artillerie-Offiziere die letzten scharfen Schüsse abgefeuert. In der Armee 95 war kein Platz mehr für die Artilleriewerke aus dem Zweiten Weltkrieg - ihre Aufgabe wurde durch moderne 12cm Festungsminenwerfer übernommen - und so wurde die Anlage aufgelassen und zur Desarmierung freigegeben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden Geschütze mit Namen Lucrezia und Silvia jeweils 4'905, resp 5'520 Schüsse auf den bis dahin immer imaginären Gegner abgegeben.
Zu einer Desarmierung sollte es nicht kommen. Nach der Entklassifizierung im Jahre 2000 wurde die Festung durch die Militärhistorische Stiftung Graubünden übernommen und im Jahr 2001 als Festungsmuseum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Weitere Informationen zum Festungsmuseum Crestawald findet ihr auf der Homepage des Museums.
 

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Artillerie und Feuerleitung
 
IW A7834 Schwarzwald

Inf.-Stände + Stollen
 
Anlagen Geissrücken

Infrastruktur + Unterkunft
 
Bunker A7838 Sufers

Ausstellung und Museum
 
Sperrstelle Splügen
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