Foto-Tour 26. Juni 2010: In den Stollen von Dailly
  Ein seltener Blick in die Stollen von Fort Dailly


Am Samstag fand in Dailly die jährliche Delegiertenversammlung von FORT.CH statt, an der wir als Gäste dabei sein durften. Gleich am frühen Morgen sind wir wieder hinauf zum Eingang, wollten wir doch noch T1 - den zweiten 15 cm Panzerturm 58 - fotografieren. Dieser liegt im abgesperrten Kasernengelände. Nachdem uns der lokale Hausherr - Schulkommandant Oberst Monnerat - sein OK gegeben hat, sind wir rauf und haben auch noch diesen imposanten Panzerturm mit samt seinem Tarngebäude fotografiert. Der aufmerksame Beobachter wird feststellen, dass die einzelnen Teile des Tarngebäudes schwingend an der Tarnkonstruktion befestigt sind. Ebenfalls werdet ihr bei beiden Panzertürmen an einigen Stellen am Boden ein Maschendrahtgeflecht sehen. Beides hat einen gemeinsamen und ganz bestimmten Grund. Die Geschütze entwickelten beim Schiessen einen ungeheuren Druck in der Umgebung. Dieser ist so gross, dass das erste Tarngebäude weggeblasen wurde, weil es starr konstruiert war. Ebenso wurde die frische Erde rund um die Geschütze weggeblasen. Also musste das Tarngebäude flexibel konstruiert werden und damit die Wurzeln des Grases etwas zu fassen bekamen, ein Maschendrahtgeflecht zwischen Fels und Erde ausgelegt werden.

Nachdem auch T1 auf Chip war, sind wir wieder zum Eingang, wo inzwischen auch die Delegierten der verschiedenen Festungsorganisationen eintrafen. Die Zeit vor und nach der DV nutzten wir, um etwas Networking zu betreiben (wie man heute auf Neudeutsch so sagt). Es war sehr interessant, die bekannten Gesichter wieder zu sehen und noch spannender war es, viele neue Leute kennen zu lernen, die wir bisher nur von Mails oder als anonyme Besucher kannten. In vielen Gesprächen mussten wie immer wieder die eine Frage beantworten, wann denn die Page wieder "in der guten alten Form" erscheint. Ihnen wie euch sagen wir nur so viel: Wir arbeiten bereits intensiv daran. So wurden auch wieder viele Einladungen an uns ausgesprochen, doch auch einmal die Werke zu besuchen, wo wir bis heute noch nicht waren. Gerne werden wir diese alle auch annehmen, sobald es die Zeit erlaubt. Nach einer spannenden DV und einem feinen Mittagessen war es dann Zeit, den nächsten Punkt in der Agenda in Angriff zu nehmen. Die Besichtigung der 15 cm Panzerturmkanone 58 sowie der Batterie Buits von innen.
Zu Beginn wurde die Gruppe aufgeteilt in je eine deutsch und eine französisch sprechende. Da die zweite Gruppe etwas kleiner war - und somit weniger Leute im Bild rum stehen - und Zarko seine Sprachkenntnisse etwas auffrischen wollte, schlossen wir uns Oberst Monnerats Gruppe an. Zuerst ging es durch fast endlose Stollen und mit zwei Liften 130 Meter hinauf zur Batterie Buits. Diese bestand aus vier 10.5 cm Kanonen 39. Heute ist davon nur noch eine zu Ausstellungszwecken eingebaut. Diesen Bereich hatte am Tag zuvor Christiane mit Pierre zusammen von aussen erkundet. Umso mehr freuten wir uns, den Bereich nun auch von innen zu sehen. Daneben gab es auch noch Munitionsmagazine und die Batteriefeuerleitstellen zu besichtigen. In diesem Bereich von Fort Dailly sind 1946 die Munitionsmagazine in die Luft geflogen. Davon ist aber heute aber nichts mehr zu sehen. Der Weg hier her hat uns gezeigt, warum Dailly ein solcher Mythos ist. Die Stollen schienen uns endlos und überall war wieder eine Abzweigung zu sehen. Würde man hier in jede Ecke rein schauen wollen, wäre man wohl mehrere Tage unterwegs. Uns blieb aber in den zwei Stunden nur Zeit, den Höhepunkt zu besichtigen: die mächtige Turmkanone 58.
Diese Kanone stellt den absoluten Höhepunkt des klassischen Schweizerischen Festungsbaus zu Beginn der 1960er Jahre dar. Dieses automatische Geschütz war in der Lage, eine ganze 15 cm Artillerieabteilung á drei Batterien zu ersetzen. Die Kennzahlen sind beachtlich. Die 42 kg schweren Granaten konnten zu Beginn 24 km - später bis 30 km - weit abgeschossen werden. Bei Schnellfeuer sollten alle 2,5 Sekunden bis maximal 22 Schuss abgefeuert werden. Der Panzerturm oben mit seinem 40 cm dicken Stahl wog 90 Tonnen. Über einen 52 Meter hohen und 2.5 Meter breiten Vertikalstollen war der Turm mit dem Munitionsboden verbunden. Im Stollen befand sich die Elevatorkette, welche die Geschosse - bestehend aus Granate, Ladung und Hülse - zum Geschütz beförderte. Im Munitonsboden wurde an einem Laufband die Munition vorbereitet und vom Drehtisch auf die Elevatorkette gelegt. Gesteuert wurde das Ganze von der Steuerstelle. Der Munitionsboden war verbunden mit den zwei Munitionsmagazinen. Gleich hinter der Steuerstelle befand sich das Schiessbüro mit seinen Kommandopulten. Hier wurden die Werte für die Munition an die entsprechenden Stellen am Förderband übermittelt, die Werte für das Geschütz eingegeben und die Kanone abgefeuert. Während bei den alten Turmkanonen alle Werte mühsam per Telefon an die Mannschaft im Turm übermittelt werden musste, war hier der Richt- und Feuervorgang voll automatisch. Die vier Mann oben im Turm sollten nur im Notfall eingreifen. Dazu war der Turm über einen Schrägschacht - in dem sich ein Aufzug befand - mit der Werkstatt verbunden. Von hier wurde die Mannschaft zum Turm befördert oder der Wechsel des Geschützes durchgeführt.
Für den Einsatz eines solchen Turmes waren 46 Mann notwendig. Die ersten Studien für die Anlage begannen 1949. Mit dem Bau in Dailly begann man 1955, das erste Schiessen war 1960 und 1962 übernahm das FWK diese Anlage in seine Obhut. Geplant war, je zwei solcher Türme in den drei Festungsregionen St. Maurice, St. Gotthard und Sargans zu errichten. Die explodierenden Kosten, der Wechsel weg von den grossen Festungen hin zu den Monoblocks und die inzwischen geänderte Strategie der Armee hin zu mehr Bewegung sorgten dafür, dass es bei den beiden Türmen in Dailly blieb. Der T1 soll auch weiterhin für Vorführungszwecke erhalten bleiben, während T2 inzwischen stillgelegt wurde. Die Besichtigung dieser einmaligen und speziellen Anlage ist der absolute bisherige Höhepunkt unserer Erkundungen. Es bleibt nun an Waffen nicht mehr viel übrig, was wir noch nicht gesehen hätten.
Zum Abschluss besichtigten wir dann noch die Standseilbahn Z108, welche die 590 Meter Höhendifferenz zwischen Fort Dailly und dem darunter liegenden Fort Savatan überwindet. Obwohl voll funktionsfähig und revidiert, hat armasuisse den weiteren Gebrauch dieser Anlage - aus Kostengründen - untersagt. Somit muss man nun mit dem Motorfahrzeug fahren, wenn man von Savatan nach Dailly will. Bei den heutigen Dieselpreisen kaum vorstellbar, dass dies billiger sein soll. Damit war die Besichtigung von Dailly vorerst zu Ende. Leider war die Zeit viel zu kurz, als dass wir uns alles hätten genau ansehen können. Vielleicht ergibt sich ja eine neue Gelegenheit wieder einmal mit mehr Zeit hinein zu können. Nachdem wir uns am Ende bei allen verabschiedet und bedankt hatten, ging es zu einer weiteren Besichtigung.
Unsere Freunde von der Militärhistorischen Stiftung Zürich hatten eine Begehung der Artilleriewerke von A27 Commaire und A46 Champex organisiert. Sie waren so freundlich, uns dazu einzuladen. Empfangen und geführt wurden wir dabei von der Organisation Pro Fortresse. Pro Fortresse hat A27 erst kürzlich übernommen und die Renovation ist im vollen Gange. Das Werk war ursprünglich mit vier 7.5 cm Kanonen ausgerüstet und steht heute ohne Bewaffnung da. Was hier besonders schön ist, sind die vier als Heustock getarnten Aussenanlagen. Zwar wäre man auch von aussen heran gekommen, doch um Zeit und Weg zu sparen haben wir kurzerhand den Notausgang genommen. Nachdem wir das Werk fertig fotografiert haben, sind wir nach Champex rüber gefahren. Leider haben aber die fortgeschrittene Stunde (es war inzwischen schon 20:15) und unser Schwund an Speicherkarten und Blitzbatterien dafür gesorgt, dass wir diese Besichtigung haben bleiben lassen. Bei einem feinen Walliser Raclette sind wir zum gemütlich Teil übergegangen und haben den Abend ausklingen lassen. Dank der freundlichen Einladung unseres Führers von Pro Fortresse werden wir Champex und die vielen Aussenanlagen des Vereins später im Jahr nachholen.

An dieser Stelle danken wir als erstes dem Vorstand von FORT.CH recht herzlich dafür, dass wir als Gäste an der DV teilnehmen durften und so in den Genuss der Besichtigung von Fort Dailly kamen. Ein Danke geht auch an Oberst Monnerat für seine ausführliche Führung und dafür, dass er für uns Deutschschweizer in der Gruppe der Romand immer mal wieder eine Erklärung auf Deutsch hat einfliessen lassen. Auch herzlich bedanken möchten wir uns bei der Militärhistorischen Stiftung des Kantons Zürich und bei Pro Fortresse, dass wir A27 besichtigen durften und für das feine Raclette zum Schluss. Wir freuen uns, die restlichen Anlagen demnächst auch einmal fotografieren zu dürfen.

Den Sonntag haben wir dann genutzt, um erst einmal nach diesen zwei doch anstrengenden Tagen auszuschlafen und uns einen Überblick über die Gegend von St. Maurice bis Martigny zu verschaffen. Dabei sind wir dann beim Artilleriewerk Les Follatères hängen geblieben. Bei diesem Werk zählt man von unten bis oben über 50 Scharten! Egal wohin man Blick wendet, entdeckt das geübte Auge Löcher über Löcher. Und denkt man, alle gefunden zu haben, erscheint ein weiteres Dutzend. Nachdem wir uns diese Ecke betrachtet haben, war für uns klar, dass wir hier einen ganzen Tag einplanen werden, wenn wir wieder einmal kommen. Von hier fuhren wir dann über Nebenstrassen nach Vernayaz, um die dortigen Infanteriewerke von aussen schnell anzusehen. Und auch hier wurde uns klar, dass wir dafür genug Zeit werden einplanen müssen. Die Mittagszeit erinnerte uns dann daran, die Reise zu beenden und langsam Richtung Bodensee zu fahren.

St. Maurice und seine Umgebung sind ein wahres Eldorado. Noch so viel gibt es hier zu sehen, dass wir vielleicht einmal eine ganze Ferienwoche einplanen werden. Für unsere erste Reise hierher sind wir aber mehr als zufrieden, haben wir doch mehr gesehen, als wir zu hoffen gewagt hatten. Au revoir St. Maurice et a bientôt!