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Wer die Festungen St.Gotthard und Sargans kennt, denkt schon alles gesehen zu haben. Wenn man aber den Gerüchten glauben darf, dann liegt das wahre Eldorado für den Bunkerfreund in der Westschweiz
- oder genauer gesagt rund um St. Maurice. Und so machten wir uns letztes Wochenende auf dieses Bunker-Eldorado zu suchen und zu finden. Anders als die spanischen Konquistadoren durften wir
feststellen, dass das Bunker-Eldorado existiert und die Erzählungen darüber nicht übertrieben waren. Doch der Reihe nach.
Der Dachverband der Schweizerischen Festungsmuseen FORT.CH hat am Samstag zu seiner DV nach Fort Dailly in St. Maurice geladen. Da wir als Gäste dabei sein durften, sind wir schon am Freitag nach St. Maurice aufgebrochen. Wir wollten in der Gegend der Festung St. Maurice einen ersten Lokalaugenschein machen, da wir bisher noch nie in dieser Gegend waren. Ausserdem wollten wir endlich das sagenumwobene Dailly-Massiv erkunden. Dazu konnten wir einen echten Kenner dieser Gegend als Führer gewinnen. Pierre Frei - Präsident der APSF - hat sich freundlicherweise am Freitag nachmittag frei genommen, um uns die öffentlich zugängliche Abdeckung von Dailly zu zeigen. Erster Stop auf unserer Reise ins Wallis war aber eine Festung am Genfersee. Jährlich halten tausende Touristen in Montreux, um das Schloss Chillon zu besuchen. Dabei übersehen sie das gleich daneben errichtete Infanteriewerk mit dem selben Namen. Taktische Anforderungen an Festungen sind über Jahrtausende die selben geblieben. An der engsten Stelle wird der Weg gesperrt. Und so sind Symbiosen von Festungen unterschiedlicher Generationen an ein und dem selben Ort keine Seltenheit - wie wir noch öfters gesehen haben bei dieser Reise. Das IW A390 Chillion kann gut erkundet werden und das geübte Auge erkennt sofort die getarnten Scharten. Gewundert haben dürften sich nur die vielen Touristen, welche sich gefragt haben, warum diese zwei Sonderlinge sich nicht für das Schloss im See, sondern die "Felswand" und Mauern bei der Bahnline interessieren. In der ganzen Euphorie über die vielen schönen Motive hat sich ein Fehler ereignet, der sich noch bitter rächen sollte. Weil wir sahen, dass man die Anlagenteile gut anlaufen kann und zu faul waren, gleich die Wanderschuhe anzuziehen, ist Zarko mit seinen neuen Sommerschuhen rum gelaufen. Eigentlich weiss jedes Kind, dass man neue Schuhe einlaufen soll. Dies macht man aber mit Vorteil nicht bei einer Bunkertour. Und so war am Ende nicht nur Chillon abfotografiert - sondern es prangte auch eine erste Blase an der Ferse. Autsch! Zur vereinbarten Zeit sind wir dann pünktlich in St.Maurice eingetroffen. Wer zum ersten Mal unten im Rhonetal steht und ins Dailly-Massiv hinauf schaut fragt sich, warum und wie man dort hoch oben einen ganzen Festungskomplex errichtet hat. Von 1890 bis 1960 wurde praktisch ununterbrochen hier oben gebaut. Dank seiner Lage eignete sich Dailly als strategischer Ort, von dem man den Festungsraum St.Maurice mit weitreichendem Artilleriefeuer belegen konnte. Um hinauf zu gelangen, fährt man über eine schmale Bergstrasse mit über 30 Kurven hinauf. Endlich oben bei Les Planaux angekommen, starteten wir unsere Entdeckungsreise. Zielstrebig führte uns Pierre herum und zeigte uns viele interessante Anlagen. So entdeckten wir wieder eine Symbiose von Anlagen aus allen Epochen. Ein erstes Highlight war T2 - der 15 cm Panzerturm 58, welcher zusammen mit einem weiteren Turm hier Ende der 1950er Jahre errichtet wurde. T2 stand mächtig im Gelände und war als Felsen getarnt. Seine Grösse übertraf alles, was wir bisher gesehen hatten und umso mehr freuten wir uns, endlich auch einmal einen solchen Turm fotografieren zu können. Mehr über diese Panzertürme werden wir euch noch später erzählen. Neben den zwei 15 cm Panzertürmen stehen hier auch noch zwei 10.5 cm Panzertürme 39. Diese beiden Geschütze mit den Namen St.Barbe und St.Maurice sind die letzten zwei Türme, welche wir noch nicht fotografiert hatten. Umso mehr haben wir uns gefreut, auch die Türme 21 und 22 auf Chip zu brennen. Als Besonderheit muss die spezielle Tarnkonstruktion erwähnt werden. Entgegen den anderen Standorten in der Schweiz ist das Geschützrohr hier nicht gesenkt, sondern gehoben. Dies darum, damit das Rohr im Winter nicht im Schnee liegt und man zum Feuern nicht erst mühsam das Rohr ausgraben und die Tarnung abheben muss. Eine scheinbar sehr effektive Lösung - die aber offenbar nur hier angewendet wurde. Weiterer Höhepunkt waren die vier Staghound-Türme. Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte die Schweiz von den Alliierten 64 Stück des gepanzerten Spähfahrzeugs Staghound. Der Panzer wurde allerdings nie bei der Truppe eingeführt. Für einige Türme dieses Panzers scheint man jedoch zumindest in Dailly eine Lösung gefunden zu haben. Anfang der 1960er Jahre wurden zur Aussenverteidigung an exponierten Stellen entlang den Infanteriehindernissen vier solcher Türme auf Beton aufgebaut und mit MG 11 (später MG51) ausgerüstet. Das Konzept scheint sich aber nicht allzusehr bewährt zu haben, da man bei keiner anderen Festung in er Schweiz solche Türme finden kann. Einer der vier Türme steht beim Schiessplatz. Von hier aus konnte die Truppe Übungsschiessen durchführen. Gleich daneben befinden sich die vermutlich letzten Übungsbunker der Schweiz. Diese wurden gemäss Aussage unserers Führers erst Ende der 1980er Jahre errichtet. Die beiden baugleichen Übungsbunker für Pak, Beob und MG sehen auch heute noch wie neu aus. Auf dem Gelände fand sich dann auch noch ein Übungsbunker für 10.5 cm Befestigungskanonen. Nachdem auch noch einige Stellungen für Beoabchter und Fliegerabwehr, sowie Aussenanlagen wie Eingänge, Belüftungsöffnungen und MG Stände abfotografiert waren, waren wir müde und hielten die Tour für beendet. Die inzwischen stark gewachsen Blase dankte es. Zumindest dachten wir, es wäre fertig. Ein Irrtum, wie es sich herausstellte. Weil es erst halb 6 war und die Sonne noch schien, wollte uns Pierre noch mehr zeigen. Hier aber musste Zarko dann abbrechen. Die wunde Ferse erlaubte keine Klettertour mehr. Also sind Pierre und Christiane alleine losgezogen. Ziel war die Batterie Buits sowie die Anlagen drum herum und oben drauf. Die Batterie Buits besteht aus vier 10.5 cm Befestigungskanonen 39 und drei Stellungen sind nach einer kleinen Kletterei recht gut zu Fuss erreichbar. Der Weg führte weiter hinauf vorbei an Mauern, Unterständen, Beobachterkuppeln (aus der Jahrhundertwende) bis hinauf zum höchsten Punkt und dem dortigen Artilleriebeobachter L'Aiguille. Dabei stiessen die beiden auch noch auf eine Gedenktafel aus der Periode des 1. Weltkrieges, die auch Pierre bisher noch nicht bekannt war, welche sich am Rande einer alten steilen und vermoderten Holztreppe befand, welche den Weg mit dem oberen Plateau verbindet. Zum Glück wurde die Holztreppe - obwohl dies der kürzere Weg wäre - aber dann von den beiden nicht begangen, da es auf dem längeren Weg zur Beobachterkuppel L'Aiguille viel mehr interessante Dinge zu sehen und zu fotografieren gibt. Von der schlussendlich doch erreichteten Beobachterkuppel hat man einen sensationellen Ausblick ins Rhonetal und bis zum Genfersee. Auf dem Felskopf finden sich dann noch weitere Anlagen, welche aufgrund der fortschreitenden Zeit nurmehr im Schnellzugtempo abgelichtet werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel eine Bäckerei in einer Felskaverne, eine 12 cm Kan 1882 auf Verschwindlafette, vier Festungsminenwerfer (div. Kaliber) - darunter der erste Prototyp dieser Waffe - und als grösste "Waffe" ein Übungsbunker mit zwei 15 cm Befestigungskanonen 46. Weil die die Sonne sich langsam senkte hiess es - vorbei an weiteren schönen Fotomotiven - zurück eilen. So blieb Christiane nur wenig Zeit, alle die vielen Motive - einschliesslich des imposanten Infanteriehindernisses - ausgiebig zu fotografieren. Jedoch ist uns der Weg nun bekannt und dürfte wohl nochmals vor unsere Linse kommen, um das Ganze ausfühlich zu dokumentieren. Obwohl Pierre nur wenig Deutsch und Christiane gar kein Französisch versteht, ist genug hängen geblieben, dass sie das Wichtigste verstanden hat, was Pierre erzählt hat. Ein Beweis dafür, dass Mangel an Sprachkenntnissen kein Grund dafür ist, sich nicht zu verstehen. Und während Pierre und Christiane spannende Entdeckungen machten, vertrieb sich Zarko damit die Zeit, die Umgebung mit dem Teleobjektiv abzusuchen. Pünktlich mit Anpfiff der WM-Partie Schweiz gegen Honduras im Radio sind dann die beiden wieder zum vereinbarten Treffpunkt gekommen. Nun war aber endgültig Schluss. Es war Zeit, das Hotelzimmer zu beziehen und endlich etwas zu essen. Ein Restaurant zu finden, in dem es auch noch um halb 10 etwas zu essen gibt, gestaltete sich schwierig, sassen doch alle in den Gassen von St.Maurice und schauten in die Fernseher. Uns interessierte das Spiel nur am Rande, hat diese Wanderung doch Hunger gemacht. Zu guter Letzt haben wir dann doch noch einen Ort gefunden, wo man sich unserer Bedürfnisse annahm. Müde und lädiert, aber sehr zufrieden mit diesem Tag voller Eindrücke sind wir dann zu Bett. Ehrlich gesagt, waren wir in diesem Moment nicht böse, dass die Schweiz ausgeschieden ist und auf den Strassen vor unserem Hotel deshalb (fast) Ruhe herrschte. An dieser Stelle ein grosses und herzliches Danke an Pierre! Ohne dich hätten wir niemals in dieser "kurzen" Zeit soviel gesehen. Die Tatsache, dass wir nur mit einer Kamera unterwegs waren und dabei mehr als 1100 Fotos geschossen haben, zeugt davon, wie viel es zu sehen gab. Wir freuen uns jetzt schon auf die Fortsetzung dieser Tour. Es soll ja noch einiges mehr auf dem Massiv zu sehen geben. |